Konzeption

(Holocaust-)Geschichte im Gespräch: Diversifizierende Täterforschung, didaktische Vermittlungsstrategien und ethische Konsequenzen heute

Vor einem Vierteljahrhundert erschien Christoper R. Brownings wegweisendes Buch „Ordinary Men“ („Ganz normale  Männer“) zum Reserve-Polizeibataillon 101, das in Deutschland auch weit über die Wissenschaft hinaus große Aufmerksamkeit erfuhr.  Eine Gruppe von Männern rückte schlaglichtartig in den Fokus der Holocaustforschung und Öffentlichkeit: die uniformierte Polizei. Aus „normalen“ Männern wurden nun „Mörder in grüner Uniform“, aus „Freunden und Helfern“ „Henker“ und das „Fußvolk der Endlösung“. Mit Daniel Goldhagens 1996 erschienenem Buch „Hitler´s Willing Executioners“ („Hitlers willige Vollstrecker“) wurde die Frage, in welchem Ausmaß und vor allem aus welchen rassistisch-ideologischen, aber auch und situativen und organisationssoziologischen Motiven heraus die Polizei zu einer Schlüsselorganisation in der Umsetzung des Holocaust wurde, weltweit virulent.

Nicht nur in Deutschland brachten in der Folge Publikationen, Museumsgründungen und Ausstellungen die neue, sich diversifizierende Täterforschung voran, sie hat sich zu einer eigenen internationalen Wissenschaftsdisziplin entwickelt. Der Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster, gegründet 1999, war 2001 die erste Gedenkstätte, die sich in ihrer Dauerausstellung mit der Ordnungspolizei als verbrecherischer Organisation befasste und parallel zu intensiver Forschung auch die Vermittlung für verschiendene Besuchergruppen didaktisch weiterentwickelte. Es folgten zahlreiche regionale Projekte bis hin zur zentralen Ausstellung „Ordnung und Vernichtung“ im Deutschen Historischen Museum Berlin im Jahr 2011. Die zuvor gängige Fokussierung auf eine Verfolgtenperspektive in Forschung und Gedenkstätten wurde so um eine intensive Beschäftigung mit Tätern in der Polizei sowie im Machtbereich der Konzentrations- und Vernichtungslager erweitert; und dies nicht nur in Deutschland, sondern auch in polnischen, amerikanischen und israelischen Holocaustgedenkstätten.

Die sich diversifizierende Täterforschung rund um den Himmlerschen Machtapparat von Polizei und SS-Verbänden kreist um einen diskursorientierten Forschungs- und Vermittlungsimpuls, der der Kernfrage Brownings nachgeht: Wie konnten aus diesen ganz normalen Männern und Polizisten Massenmörder werden, und wie arbeitsteilig reichte demnach der Holocaust bis in die Mitte der Gesellschaft hinein?

Eine zweite Dimension dieser Browningschen Kernfrage schlägt die Brücke von der Geschichte in die Gegenwart. Wenn wir davon ausgehen, dass das (ausschließlich männliche) Personal der „normalen“ uniformierten Polizei en gros ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft war, dann sind die Gründe auf dem Weg hin zum Massenmörder zwar in ihrer Zeit determiniert, aber trotzdem stellt sich implizit die grundlegende Frage: Wie (ver)führbar sind Mehrheitsgesellschaften heute? Jenseits platter Analogien zur Gegenwart und der Möglichkeit, heute ganze Berufsgruppen zu Massenmördern zu machen soll es – nicht zuletzt angesichts des global grassierenden Rechtspopulismus – um die Verschiebung von Sagbarkeitsgrenzen, von stereotypen Sichtweisen und darauf aufbauenden Handlungen in Bezug auf gesellschaftliche Minderheiten und Andersdenkende gehen.

Die internationale Konferenz anlässlich 25 Jahren „Ordinary Men“ und 20 Jahren Geschichtsort Villa ten Hompel will nicht nur eine Zwischenbilanz ziehen, sondern auch Perspektiven der künftigen Forschungs- wie Vermittlungsstrategien ausloten und entwickeln. In einem integrierenden Ansatz wollen wir vor dem Hintergrund von Brownings Werk aktuelle Interpretationen der Holocaust-Historiographie und der Täterforschung diskutieren, über innovative methodische Ansätze und Quellenzugänge nachdenken und die Frage der Relevanz pädagogischer Vermittlungskonzepte im Sinne einer menschenrechtsbasierten „Holocaust Education“ für das 21. Jahrhundert aufwerfen.

Im Rahmen der Konferenz wird mit einer öffentlichen Festveranstaltung im Historischen Rathausfestsaal Christopher R. Brownings Wissenschaftsleistung geehrt und sein 75. Geburtstag gefeiert werden, er selbst wird eine Bestandsaufnahme „nach einem Vierteljahrhundert“ vornehmen.

Die internationale Konferenz ist fachlich interdisziplinär ausrichtet mit geschichts- und kulturwissenschaftlichen sowie geschichtsdidaktischen Ansätzen. Sie soll Protagonisten in Forschung und Vermittlung und ein interessiertes Publikum aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und auch Polizei zusammenführen, um über Bilanz und Perspektiven der Täterforschung sowie ethische Konsequenzen für die Gegenwart ins Gespräch zu kommen.

Tagungssprachen sind deutsch und englisch. Eine Simultanübersetzung findet statt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.